Diagnose AD(H)S

„Gratuliere! Sie haben ADHS – freuen Sie sich bitte!“

Die Diagnose ADHS ist ein Schlüssel, der viele Türen öffnen kann.

Diesen Satz sage ich häufig zu Patienten in meiner psychotherapeutischen Praxis, wenn nach mehreren Stunden der Untersuchung die Diagnose ADHS lautet. Nun könnte man meinen, der spinnt doch, der Psychotherapeut! Nein, sicher nicht! Die Diagnose ADHS ist ein Schlüssel, der viele Türen öffnen kann. Es gibt bei einigen Patienten durch die Behandlung eine so dramatische Änderung des Lebens, dass man fast schon von einem Wunder sprechen kann. Die Veränderungen durch die Diagnose ADHS und die anschließende Behandlung sind dermaßen überwältigend, dass man die Patienten kaum wiedererkennt!

Okay, realistischerweise gibt es auch ein breites Mittelfeld mit Betroffenen, bei denen die Behandlungsergebnisse erfreulich sind, aber noch viel zu tun bleibt, bis sie ein erfolgreiches und zufriedenes Leben führen können. Das ist aber nicht zu vergleichen mit dem oft jämmerlichen Leben, an dem man gelitten hatte, bevor man die ADHS-Diagnose bekommen hat.

Es ist so, dass eine in der Kindheit nicht behandelte oder eine nicht erkannte ADHS immensen Schaden und großes Leid verursachen kann. Wird ADHS nicht erkannt und behandelt, entstehen häufig weitere schwerwiegende Lebensprobleme. Nicht nur Schulversagen, Mobbing in der Schule oder völliger Ausschluss aus einem Freundeskreis können Kinder sehr belasten; sondern auch andere seelische Krankheiten entstehen möglicherweise auf dem Nährboden einer unbehandelten ADHS. Je älter man wird, desto häufiger können schlimme Erkrankungen entstehen: so z.B. gravierende depressive Verstimmungen, Suchtprobleme (als Kompensationsversuch), soziale Ängste und natürlich Selbstunsicherheit bis hin zur Selbstablehnung oder auch Essstörungen und Angststörungen; Krisen in der Partnerschaft und am Arbeitsplatzverlust sind oft die Konsequenzen davon.

über ADHS informieren

Sehr viele dieser seelischen Erkrankungen und Probleme werden aber bisher von Psychologen und Ärzten isoliert behandelt, ohne dass untersucht wird, ob die ADHS im Hintergrund der eigentliche Übeltäter ist, der alles befeuert. So können viele Jahre vergehen und es entsteht so etwas wie die „Drehtür-Psychiatrie“. Nach einer vielleicht stabilen Phase kommen die Depressionen, Ängste, Suchtprobleme und Stimmungsschwankungen etc. wieder zurück und man verzweifelt zunehmend. Dann geht man wieder zum behandelnden Arzt, oder man versucht es erneut mit einer anderen Psychotherapie. Nur nützt dies dann nichts – man dreht sich im Kreis!

Deshalb ist es sehr wichtig, dass Sie sich selbst über ADHS informieren; bei ADHS-Selbsthilfegruppen oder im Internet gibt es viele gute Informationen darüber. Sie müssen selbst ein Experte werden, damit Sie ihr Kind oder sich selbst entsprechend verstehen und ihm oder sich auch helfen können. Bei intensiver Beschäftigung lernen Sie immer mehr über den Umgang mit der Störung. Es gibt auch gute Selbsthilfebücher. Nur wenn Sie selbst ein Experte werden, werden Sie merken, wenn jemand eine falsche Diagnose stellt, was dann wieder zu Jahren des Leidens und ansteigender Verzweiflung führen kann. Es gibt immer noch viele Ärzte und Psychologen, also „Experten“, die rein psychologische Erklärungsansätze haben und die Ihre Probleme oder die Ihres Kindes z.B. nur mit Schwierigkeiten in der Erziehung in der Kindheit zu erklären versuchen. Häufig kommt dann noch eine offene oder verdeckte Ablehnung von Medikamenten wie Ritalin hinzu. Wenn Sie jedoch informiert sind, wird Ihnen klar, dass rein psychologische Ansätze nicht ausreichen.

ADHS ist leider nicht immer leicht zu erkennen

Deshalb sollten Sie sich von Psychiatern oder Psychologen mit dem Schwerpunkt ADHS untersuchen lassen! ADHS ist nämlich leider nicht immer leicht zu erkennen; nicht jeder ist der klassische Zappelphilipp oder die Träumerliese. Eine zuvor deutliche Kinder-ADHS zeigt sich eventuell im Erwachsenenalter nur noch in wenigen Symptomen. Die Hyperaktivität spielt häufig bei Erwachsenen überhaupt keine Rolle mehr, aber schon die mangelnde Belastbarkeit, Stimmungs-schwankungen und Gefühlsausbrüche können sehr beeinträchtigen.

In der Behandlung von ADHS gehören Medikamente (z.B. Medikinet, Ritalin, Elvanse, Strattera, etc.) und Psychotherapie zusammen und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Bei einer mittelschweren bis schweren ADHS geht ohne Metylphenidat (Wirkstoff in z.B. Medikinet und Ritalin) meist nichts – diese Medikamente sind häufig ein Segen! Wenn Sie nicht helfen, dann kann evtl. eine Über- oder Unterdosierung vorliegen; bei wenigen Menschen gibt es aber auch Unverträglichkeiten oder diese Medikamente zeigen keinerlei Wirkung. Vertrauen Sie sich selbst und machen Sie ihre persönlichen Erfahrungen in der Behandlung, bleiben sie kritisch, lassen sie sich nichts einreden. Eine Therapie sollte funktionieren und Ihnen befriedigend helfen; diesen Anspruch sollten Sie nicht aufgeben!

Behandlung von ADHS

Halten wir noch einmal zusammenfassend fest: Wissensvermittlung bzw. –aneignung, eine medikamentöse Behandlung und die Hilfe eines Psychotherapeuten führen bei ADHS sehr häufig zum Durchbruch. Nicht selten sehen ADHS-Betroffene die Behandlung als den Beginn eines neuen und besseren Lebens an!

 

Dipl.-Psych. Jörg Dreher, Psychotherapeut
mit Schwerpunkt ADHS im Erwachsenenalter / Transitionspraxis
Zeichnungen: Andrea Hagenauer

Koblenz, Januar 2016